17.01.2012

Von Rückzug keine Rede

Was das Rathaus 1944 mit Siegburger Feldpost machte

Siegburg. "Unsere Feinde haben ihre Kraftanstrengung bis zum Höchstmaß gesteigert. Von West und Süd und Ost rennen sie gegen unsere Grenze an, um Deutschland, unser Vaterland, zu zerschlagen. Mit ihrer Luftwaffe vernichten sie unsere Städte, morden unsere unschuldigen Frauen und Kinder und wollen unsere Kultur ausrotten".

So lesen sich Zeilen aus dem Oktober 1944. Stammt die Passage aus der "Wochenschau" oder dem "Völkischen Beobachter"? Nein. Sie ist aus dem "Nachrichtenblatt der Stadtverwaltung Siegburg für ihre im Felde stehenden Gefolgschaftsmitglieder". Ausgabe 13, Oktober 1944, ging jetzt dem Stadtarchiv zu. Es ist die Sorte historischer Quelle, von der Historiker träumen. Siegburg zwischen Untergang und Überschwang, Propaganda und stillem Protest. Im Rathaus geht die Feldpost der städtischen Mitarbeiter von den Kampflinien ein. Die Rathausspitze nimmt aus den Zuschriften, was ihr politisch passt, kommentiert, schreibt eine linientreue Zusammenfassung. Zur Aufmunterung geht das fertige Nachrichtenblatt an die Siegburger in den Einheiten und Lazaretten. Tenor: Wir können es noch schaffen. Der Rathaus-Redakteur schwadroniert in seiner Einleitung von "neuen Waffen" und "vereinten Kräften", vom "Abwenden des Schicksals". Stadtsekretär Peter K., Westfront, grüßt freundlich die Kameraden. Dann ist die Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens gefragt. "Übermenschliches" hätte K. geleistet, attestiert von Ferne der Chef am Schreibtisch, wozu "nur Deutsche in der Lage sind". Dass K. seit der Normandielandung der Alliierten vier Monaten täglich um sein Leben rennen musste, zeigen seine zurückgelegten Stationen: Kanalküste, Paris, Luneville, Bad Kreuznach. Von Rückzug ist jedoch nicht die Rede. Die massiven Land- und Menschenverluste der Wehrmacht sind eine rein strategische "Rückverlegung der Front". Ähnlich genau muss man beim Bericht von Werner U. hinsehen. Der Studienrat der Städtischen Oberschule für Mädchen hat den Russlandfeldzug mitgemacht. Das Überrennen der deutschen Stellungen durch die Rote Armee kommt selbstverständlich nicht vor. Im Gegenteil. Dem Lehrer geht es angeblich blendend, nach drei Jahren im "primitiven Russland" empfinde er Polen als "Land mit Kultur". Viele begeisterte Einsender früherer Tage hat die drohende Niederlage sprachlos gemacht. Der Ideologe an der Heimatfront, (noch) fernab der Geschütze, klagt: "Bei den Mitteilungen unserer Soldaten haben wir in der letzten Zeit manche unserer Kameraden vermisst, die früher treue Briefschreiber waren." Der Schriftleiter gibt sich überrascht und muss doch die Antwort wissen. Sein Nachrichtenblatt beginnt mit folgendem Absatz: "Den Heldentod für das Vaterland starben: Gärtner Waldemar G. und Gärtner Willi Sch." Foto: Verlassener Arbeitsplatz: Das Rathaus in der Mühlenstraße. An die städtischen Mitarbeiter an der Front ging das Nachrichtenblatt. Die jüngste Angeschriebene war Gertrud Ballensiefen, im Oktober 1944 am Westwall in Düren im Einsatz. Von Ballensiefen, die heute in Lohmar lebt, stammen die hochinteressanten Papiere.

Meldung posten bei... 


Verlassener Arbeitsplatz: Das Rathaus in der Mühlenstraße.
Verlassener Arbeitsplatz: Das Rathaus in der Mühlenstraße.