13.08.2019

Schnäuzfest und historisch wertvoll

Was uns die Tücher aus der Kattunfabrik übers 19. Jahrhundert sagen

Siegburg. Einem Siegburger Exportschlager des vorvorigen Jahrhunderts hat sich Stadtarchivar Jan Gerull im Siegburger Blatt Nummer 65 genähert.

"Fenster ins 19. Jahrhundert - Die Bildertücher aus der Siegburger Kattunfabrik" hat er den kurzen historischen Abriss getauft. Es geht um die Motive der baumwollenen Schnupf-, Schnäuz- oder Taschentücher, die das Vorgängerunternehmen des Siegwerks, die Kattunfabrik, in Deutschland und ganz Europa vertrieb. Von ihnen ist abzulesen, wie die Gesellschaft zu Kaisers Zeiten funktionierte. Was ist im Detail zu sehen? Gekrönte Häupter tummeln sich auf den Tüchern, Monarchiebesessenheit spricht aus ihnen. Andere Kattune sind Erziehungsratgeber: Fleißige, hilfsbereite und lernwillige Kinderlein werden den unerzogen-bösen Pänz gegenübergestellt. Die rasch aufeinanderfolgenden Szenen des Kinderlobs und der Kinderzüchtigung ebnen stilistisch dem Comic den Weg. Der Fortschrittsglaube der Epoche manifestiert sich in den Weltausstellungstüchern. Siegreiche Schlachten werden bejubelt, Patriotismus und Nationalismus, stark ausgeprägt im und nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, befördern den Kauf der "Wacht am Rhein"-Darstellungen. Für sich stehen die Militärinstruktionstücher, die Rekruten die Funktionsweise ihrer Waffen demonstrieren. 1914 stellt die Kattunfabrik die Produktion ein, auch weil Geschossfabrik und Feuerwerkslaboratorium mit höheren Löhnen massiv Arbeits- und Fachkräfte abwerben. Zu diesem Zeitpunkt ist der Grundstein für die neue, bis heute existierende Druckfarbenfabrik längst gelegt. Das Siegburger Blatt erwerben Sie für vier Euro im Stadtmuseum oder direkt im Verlag des Grafikers Reinhard Zado unter www.blattwelt.de. Dorthin über den folgenden Link. Foto: Franz-Josef Wiegelmann, Siegwerk-Archivarin Angela Joseph und Bertrand Stern (2.v.r.) sind Mitglieder des Arbeitskreises Siegburger Tuchgespräche, der im Mai eine internationale Tagung zum Thema durchführte. Sie beugen sich mit Bürgermeister Franz Huhn und Stadtarchivar Jan Gerull (r.) im Industrieraum des Stadtmuseums über einige Originale. Im Vordergrund ein Tuch zur Weltausstellung in Philadelphia 1876, hundert Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten.


Weiterführende Links

13.08.2019 - Siegburger Blatt-Tuecher

"Fenster ins 19. Jahrhundert - Die Bildertücher aus der Siegburger Kattunfabrik"