11.05.2019

Revolution in der Luft

Kinkel, der Zeughaussturm und Siegburg

Siegburg. Spandau, 6. November 1850. Vor dem Zuchthaus wartet ein junger Mann auf seinen politischen Kampfgenossen. Carl Schurz hat sich in einem Hauseingang verborgen und blickt auf die Front der vergitterten Fenster. Aus der Dachluke leuchtet das vereinbarte Zeichen auf. Gottfried Kinkel, die Gallionsfigur der deutschen Demokraten und genau deshalb Zuchthausinsasse, hat es abgesendet. Filmreif seilt sich Kinkel ab. Die Fluchtkutsche steht bereit. In Warnemünde nehmen die Männer das Boot und segeln gen Britannien.

Siegburg. Spandau, 6. November 1850. Vor dem Zuchthaus wartet ein junger Mann auf seinen politischen Kampfgenossen. Carl Schurz hat sich in einem Hauseingang verborgen und blickt auf die Front der vergitterten Fenster. Aus der Dachluke leuchtet das vereinbarte Zeichen auf. Gottfried Kinkel, die Gallionsfigur der deutschen Demokraten und genau deshalb Zuchthausinsasse, hat es abgesendet. Filmreif seilt sich Kinkel ab. Die Fluchtkutsche steht bereit. In Warnemünde nehmen die Männer das Boot und segeln gen Britannien. Genau 170 Jahre ist er her, der erfolglose Zug der Bonner Freischärler auf das Siegburger Zeughaus. Eine Episode der missglückten Revolution von 1848/49, die meist vom Ende her erzählt wird. Es geht um das Auseinanderrennen der Demokraten auf dem Feld zwischen Hangelar und Mülldorf in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai 1849. Drei Dragoner der Staatsmacht auf ihren Pferden reichen aus, um die 100 Mann starke Gruppe um Kinkel und Schurz aufzuhalten. Der Plan, sich der im Siegburger Zeughaus lagernden Waffen der Landwehr zu ermächtigen, ist gestorben. Gottfried Kinkel kommt 1815 zur Welt. In sehr jungen Jahren, mit gerade 22 Jahren, wird er Dozent an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn, tritt in die Fußstapfen seines Vaters, der als evangelisch-reformierter Pfarrer in Kinkels Geburtsort Oberkassel wirkte. Für wenige Monate predigt er auf dem Siegburger Michaelsberg den "Irren" der Heilanstalt, beschäftigt sich intensiv mit den Lehren des Leiters Maximilian Jacobi. Seine eigentliche Liebe gilt der Kunst, speziell der Poesie. Kinkels Leben ist geprägt von radikalen Wendungen, Biographen sehen eine Befreiungsbewegung auf privater, auf beruflicher und nicht zuletzt politischer Ebene. Für seine Frau Johanna, geschieden und überdies katholisch, löst er eine bestehende Verlobung. Beide sind schriftstellerisch aktiv im Maikäferbund, dem bekannten Bonner Romantiker-Zirkel. Dank einflussreicher Freunde und seiner großen rednerischen Begabung darf er das Lehrfach wechseln, unterrichtet fortan Kunstgeschichte. Kinkel beschäftigt sich nur am Rande mit der Politik. Es ist anzunehmen, dass er aufgrund der ausbleibenden deutschen Einheit, auf die bürgerliche Kräfte nach dem Sieg über Napoleon gesetzt hatten, auf romantische Art still in sich hineinleidet. Als er im Februar 1848 in Köln über moderne Bildnerei und Malerei doziert, wird im Hörsaal über die Pariser Aufstände getuschelt, die auch Deutschland in revolutionäre Verhältnisse stürzen. Kinkel erinnert sich später: "In den Schluss der Vorträge klangen schon feierlich die fernen Wetterschläge von Paris herüber. Noch sind (...) die Donner der Revolution nicht verhallt. Eine neue Zeit bricht an. Sie ist auch bei uns längst vorbereitet." Kinkel ist nun mittendrin im epochalen Zeitgeschehen. Er wird in die preußische Nationalversammlung gewählt, entwickelt sich vom konstitutionellen Monarchisten zum Demokraten und Republikaner. Die Strategie des Königs, liberalen Absichten nachzugeben und sie dann wieder zurückzudrängen, führen zu dieser Entwicklung. Als Chefschreiber der Bonner Zeitung liefert sich Kinkel zudem eine Auseinandersetzung mit Karl Marx, der in seiner "Neuen Rheinischen Zeitung" in Köln die Soziale Frage kommunistisch kommentiert. Im Gegensatz zu Marx bleibt Kinkel bei einem bürgerlichen Weltbild, will Eigentumsverhältnisse unangetastet lassen, der Not der Bonner Handwerker mit Bildung begegnen. Kinkels und Schurz' Wirken in Bonn strahlt aus in die Region. In Siegburg gründet sich ein Demokratischer Verein, der Reichenstein am oberen Markt wird sein Hauptquartier. Gefordert werden der "Aufbau des Staates auf breitester demokratischer Grundlage" sowie "keine Gesetze ohne Genehmigung der Kammer der Abgeordneten", eine "durchgreifende Steuerreform" und dabei "die Einführung einer progressiven Einkommenssteuer". Weniger weit gehen die Konstitutionellen, die der Krone eine Verfassung abtrotzen wollen. Sie kommen im Herrengarten zusammen. Die Stimmung in Siegburg ist angespannt. Ein Umsturz liegt in der Luft. "Fort mit den blutsaugenden Monarchen", fordern die Demokraten, der Bürgermeister fürchtet schon im November 1848 eine Plünderung des Zeughauses, alarmiert die Bürgerwehr. Im Januar muss das 25. Infanterieregiment aus Koblenz anrücken. Erst nach dem fehlgeschlagenen Sturm auf das Zeughaus am 11. Mai 1849 beruhigt sich die Lage. Was geschieht mit Kinkel, nachdem die Dragoner den Zug nach Siegburg stoppten? Er kämpft in Baden für Freiheit und Demokratie, wird verhaftet und kommt vor das Kriegsgericht in Rastatt. Dank seiner rhetorischen Gewandtheit wird das Todesurteil in lebenslange Festungshaft umgewandelt, die Verhandlung in Köln wegen des Siegburger Zeughaussturms endet mit einem Freispruch. Es folgt die spektakuläre Befreiung in Spandau, die wir eingangs beschrieben, und die Flucht ins Exil. Obwohl ihn später Vortragsreisen nach Deutschland führen sollten, bleibt Gottfried Kinkel zeitlebens im Ausland, erst in London, dann in Zürich. Er widmet sich literatur- und kunstgeschichtlichen Studien, geht einer intensiven Lehrtätigkeit nach, stirbt 1882. Während Kinkels politische Tätigkeiten bald nach 1849 zum Erliegen kommen, geht Carl Schurz in die USA, kämpft im amerikanischen Bürgerkrieg an der Seite der Nordstaaten und wird Innenminister. Fotos: Eng verbunden: Gottfried Kinkel und das Siegburger Zeughaus, in dem sich die Demokraten mit Waffen versorgen wollten.


11.05.2019 - Kinkel-Zeughaus

Gottfried Kinkel-Zeughaus