05.10.2019

Mutiger Bürgermeister

Hubert Heinrichs verwahrte als Journalist NS-Presseanweisungen

Siegburg. Der Nachwelt ist Hubert Heinrichs, geboren 1896 und Siegburger Bürgermeister von 1946 bis 1952 und von 1958 bis 1964, als Vordenker der europäischen Verständigung, Initiator der Verschwisterung mit Nogent-sur-Marne und als überparteilich anerkannter Demokrat in Erinnerung.

Am 23. September 1962 hielt er bei der Aufstellung des Gedenksteins auf dem jüdischen Friedhof eine bewegende Rede:

"Unser Zusammensein hier und heute hat den Sinn, die Erinnerung an unsere Mitbürger jüdischen Glaubens wachzuhalten. Zum äußeren Zeichen dafür setzen wir einen Gedenkstein. Möge das Dauerhafte seines Materials Sinnbild dafür sein, dass auch die Erinnerung an unsere jüdischen Mitbürger in unserem Herzen dauert.(...) Die Verfolgungen dieses Jahrzehnts, des dunkelsten der deutschen Geschichte, war nicht mehr wie im Mittelalter spontan, nicht mehr getragen von einzelnen Fanatikern, sie waren das Resultat von kühler Berechnung und wurden von einem unmenschlichen und unbarmherzigen Staatsapparat durchgeführt. Hilfe einzelner Mutiger war immer mit Gefahr für Leib und Leben verbunden."

Nur die Eingeweihten wissen, dass der studierte Volkswirt und erfahrene Journalist selbst ein mutiger Zeitgenosse war. Als Verantwortlicher für die Redaktion der Sieg-Rhein-Zeitung kam er Mitte der 1920er Jahre aus Bonn nach Siegburg. Seine Zeitung war ein katholisches Blatt, das sich kritisch mit dem aufziehenden Nationalsozialismus auseinandersetzte und sich mit den Hetzern des Westdeutschen Beobachters Wortschlachten lieferte, ehe es ab 1933 gezwungenermaßen in den völkisch-nationalen Kanon einstimmte. Wo es thematisch ging, entzog man sich der großen Politik und wandte sich noch stärker als vorher der Kirche und Kirchengeschichte zu. Heinrichs machte nun das Folgende: Er verwahrte die unter strengster Geheimhaltung von Goebbels Propagandaministerium herausgegebenen und reichsweit an die Schriftleitungen der Zeitungen verschickten Presseanweisungen. Wie sollten die Zeitungen schreiben, was sollten sie schreiben, wen in höchste Höhen heben, wen verächtlich machen oder ganz aus der Berichterstattung streichen? Die Anweisungen, die mal als Diktat und mal als Anregung daherkamen, geben einen tiefen Einblick in die Naziideologie. Die Fernschreiben aus Berlin unterlagen strengster Geheimhaltung, sollten nach Erhalt unbedingt vernichtet werden. Wäre Heinrichs mit den gesammelten Werken erwischt worden, hätte er möglicherweise nicht überlebt. Zum Glück schreiben wir im Konjunktiv: Heinrichs und seine Sammlung kamen durch das "Dritte Reich", er vermachte sie vor seinem Tode im Jahr 1975 dem Siegburger Stadtarchiv. Im Historischen Kalenderblatt des Newsletters werden wir ab heute in loser Folge die NS-Presseanweisungen veröffentlichen. Foto: Hubert Heinrichs war der erste Siegburger Bürgermeister, der die bis heute gebrauchte Bürgermeisterkette umlegen durfte.


05.10.2019 - BM Heinrichs

Bürgermeister Hubert Heinrichs