12.02.2019

Fahndung nach NS-Medizinverbrechen

Zahlenkolonnen dokumentieren den Schrecken

Siegburg. Zahlen und Tabellen sind nicht unbedingt das Werkzeug, das man mit dem Historiker in Verbindung bringt.

Dennoch reihen sich in den Computern der Bonner Geschichtswissenschaftler Nina Quabeck und Dr. Ansgar Klein lange Kolonnen aneinander. Geburts- und Sterbedaten, Ortsnamen wie Andernach und Hadamar. Aufzählungen von für unsere Ohren seltsam klingenden Krankheiten wie dem Veitstanz oder der Fallsucht. Gesammelt haben Quabeck und Klein ihr Material im Stadtarchiv Bonn, in der dortigen LVR-Klinik und im LVR-Archiv in Brauweiler, im Landesarchiv in Duisburg und im Kreisarchiv am Kaiser-Wilhelm-Platz. Gestern klappten sie die Laptops im Siegburger Stadtarchiv auf, blätterten sich parallel durch ein dickes Buch mit den Sterbefällen aus den Jahren 1940/41. Es geht um die Medizinverbrechen der Nazis an Behinderten und chronisch Kranken, um Zwangsterilisation und Euthanasie, also Mord. Der Kreistag stattet die großangelegte Aufdeckung des Schreckens finanziell aus, der Landschaftsverband führt sie mit der Uni Bonn durch. Nachvollzogen werden Fälle im ehemaligen Kreis Bonn und dem Siegkreis. Der Umfang ist gewaltig. Allein 3.000 Frauen und Männer wurden Opfer der Zwangsterilisation. Schwierig gestalten sich die Arbeiten wegen der Vielzahl der in die Verbrechen verstrickten Intuitionen - Gesundheitsämter, Erbgesundheitsgerichte, Heil- und Pflegeanstalten. Und: Nicht jede und jeder, die/der unfruchtbar gemacht wurden, landete ab 1940 in einer der sechs Tötungsanstalten im Reich. Umgekehrt gilt dasselbe. Nicht jeder, der in Hadamar qualvoll in der Gaskammer sein Leben ließ, war zuvor sterilisiert worden. Die Schicksale berühren, die Arbeit lässt sich unter keinen Umständen routiniert bewältigen. Fragenzeichen bleiben. Da ist zum Beispiel das stadtbekannte Siegburger Lottchen, der Zwitter Charlotte Bertram. Nach den Erkenntnissen der Historiker wurde zwar "angezeigt", dass sie zu sterilisieren sei. In die Klinik gebracht wurde das Lottchen dann aber wohl nicht. Wurde es geschützt? Der die Forschungsergebnisse zusammenfassende Band soll im nächsten Jahr erscheinen, eine begleitende Ausstellung durch die Schulen wandern. Zudem stellen Quabeck und Klein ihre Funde auf einer Tagung dem Fachpublikum vor.


12.02.2019 - Klein-Quabeck

Nina Quabeck und Dr. Ansgar Klein