07.02.2019

Erinnerung an Zellwolle-Zwangsarbeiter

Junger Belgier wollte wie Jesus übers Wasser gehen und ertrank

Siegburg. Wie sah es aus, das Leben in Zwangsarbeit?

In den aktuellen Heimatblättern des Rhein-Sieg-Kreises, die sich intensiv mit der Zwangsarbeit in der ehemaligen Rheinischen Zellwolle beschäftigen, gewinnt der Leser aus den Schilderungen Betroffener einen tiefen Einblick. Jekaterina aus Simferopol schreibt: "Alle Russen hatten auf ihrer Kleidung ein Zeichen OST und eine Nummer. In der Fabrik war der Polizist Stein, vor dem wir große Angst hatten. Für jedes Vergehen hat er uns streng bestraft. Beim kleinsten Ungehorsam schickte er in das KZ, das sich bei der Fabrik befand. Die Polen hatten besseres Essen als wir, die Russen. Das Essen war sehr mager." Norbert Widok, ein polnischer Staatsangehöriger, legt dar: "Wir arbeiteten mit sehr viel Konzentration, da Feuergefahr, Verbrühungen oder Verbrennungen mit chemischen Substanzen immer bestand. Es reichte ein Tropfen auf die blanke Haut und schon entstand eine Verbrennung. Bis heute habe ich Narben auf den Händen. (...) Nach 4-6 Monaten bekam ich eine unbekannte Krankheit. Unser Verstand und unsere Orientierung wurden angegriffen. Ich konnte nicht schlafen und wurde verrückt." Als er das Stichwort "verrückt" las, wurde der Siegburger Karl-Heinz Wiesgen, 83, stutzig. In Wiesgens Familie lebte ein Zellwolle-Zwangsarbeiter aus Belgien. Dieser Mittzwanziger musste in der Phrix schuften, atmete über längeren Zeitraum Produktionsgifte ein. Wiesgen weiß aus familiären Schilderungen: "Er verhielt sich wunderlich. In einem Gottesdienst in St. Servatius schmiss er sich auf den Altar, rief 'Jesus, ich bin Jesus'." Wiesgen lädt zum Spaziergang ein. Los geht es an der Ecke Frankfurter Straße/Wahnbachtalstraße. Hier lebte er als Bub, mit ihm der besagte Belgier. Weiter die Wahnbachtalstraße entlang. Wiesgen weist nach links, zur Einmündung des Gerhart-Hauptmann Weges. Ein beliebter Bolzplatz befand sich hier, genannt "De Kuhl". Richtungswechsel, wir bewegen uns zum Siegwehr. "Der junge Belgier, dessen Namen ich leider nicht mehr weiß, wollte übers Wasser gehen. Weil er dachte, er sei Jesus. Er ist tragisch ertrunken. Es muss zwischen 1942 und 44 gewesen sein." Dann, wiederum linker Hand, wo heute der Mercedes-Händler sitzt, stand eine lange Reihe eingezäunter Baracken. Zur Straße hin waren die Holzbauten fensterlos. "Hier lebten die Russen, die in der Phrix arbeiteten." Auf dem Weg einmal rund um den Turm, in dem heute Versicherungen feilgeboten werden, Glückspielautomaten zum schnellen Euro verleiten und ein Fitness-Studio zur Rückengesundheit verhilft (Foto), erinnert sich Wiesgen: "Wir hatten noch einen weiteren Zwangsarbeiter, er hieß Walter van der Kemp." Der Niederländer blieb das ganze Jahr 1945, war eine Stütze in den Monaten nach Kriegsende, packte beim Wiederaufbau an. Ein Ersatzvater. Wiesgens richtiger Vater kommt als ein an Leib und Seele gezeichneter Mann aus amerikanischer Gefangenschaft zurück. "Man hat ihn in Siegburg von der Ladefläche eines Militär-LKW regelrecht auf die Straße gekippt." Die Rückkehr eines Geschlagenen, Symbol für das Ende des "Dritten Reichs". Näheres zu den Heimatblättern erfahren Sie über den Link. Wer etwas zum Schicksal des Belgiers beitragen kann, meldet sich unter presse@siegburg.de.


07.02.2019 - Wiesgen-Zwangsarbeiter

Herr Wiesgen