17.07.2012

Dem Wahnsinn auf der Spur

"Kleine Eiszeit" schuld an Hexenprozessen?

Siegburg. Bei den Führungen, die der Siegburger Stadtführer Bertrand Stern durch das Stadtmuseum zum Thema "Verhextes Siegburg? - eine kritische Betrachtung der Hexenverfolgung in Siegburg" anbietet, spielt das Wetter eine nicht unerhebliche Rolle:

Könnte es einen Zusammenhang geben zwischen dem nass-feuchten Wetter, das im 17. Jahrhundert in der sogenannten "Kleinen Eiszeit" herrschte, und den Hexenverfolgungen? Anders gefragt: Könnte die von Meteorologen festgestellte Senkung der Durchschnittstemperatur um etwa zwei, maximal drei Grad nicht nur auf die Landwirtschaft, sondern auch auf die Menschen dramatische Auswirkungen gehabt haben? Nicht nur fielen plötzlich die Ernten schlecht aus. Ein schwarzer Pilz, das sogenannte "Mutterkorn", verunreinigte massenhaft das Getreide. Seine Einnahme führt bewiesenermaßen zu Halluzinationen. Womöglich Grund für einen kollektiven Wahn - vielleicht auch für die Hexenverfolgung? Sehr spät regierte in Siegburg von 1636-1638 der Wahnsinn. Viele Frauen und Männer, zu Hexen gestempelt, fielen ihm zum Opfer. Unter den zahlreichen Faktoren dieser Verfolgung ist sicherlich die Ankunft der Hexenkommissare Franziskus Buirmann und Kaspar Lieblar zu nennen. Buirmann hatte vor seinem grausamen Werk in Siegburg bereits in Euskirchen und Rheinbach blutige Spuren hinterlassen und war für seine Unnachgiebigkeit bekannt. Des Weiteren hatte die Furcht der Papstanhänger vor einer dämonischen Sekte Gewicht. Die Kirche, durch den Protestantismus ohnehin in einer Abwehrhaltung, fühlte sich durch die neuen Satansanhänger an einer zweiten Front bedroht. Und der "Dreißigjährige Krieg" hatte auch seine tödlichen Spuren hinterlassen. Wer war an all diesem Elend und Übel schuld? Da mussten gewisse Leute dran glauben. Hexen waren zugleich geachtet und geächtet. Ging von ihnen Fluch oder Heil aus? Da Hexerei damals in aller Munde war, wurde der Unklarheit begegnet: Durch eine intensive Folter sollten die Satansanhänger entlarvt werden, indem sie mit einem detaillierten Fragenkatalog konfrontiert wurden. "Wo haben Sie den Teufel getroffen, haben Sie mit ihm getanzt, wer war dabei?" Und wenn sie bei der "peinlichen Befragung" nicht willfährig kollaborierten, half oft schon die Vorstellung der Folterwerkzeuge - oder deren Anwendung -, um die Angeklagten zu bewegen, erstaunlich detailliert auszusagen, was die Hexenkommissare erfahren und bestätigt haben wollten. Irgendwann kamen sie nicht mehr umhin, die Art ihres Hexenflugs, die Beschaffenheit der Lockinstrumente des Teufels zu schildern; sie verrieten auch, wer dabei gewesen war... Zwar entsprangen solche Aussagen gewiss der Angst vor dem Martyrium im Folterkeller. Doch gaben sie laut Stadtarchivarin Dr. Andrea Korte-Böger ebenso den "in der damaligen Zeit allgemein akzeptierten Volksglauben über Hexen wieder". Könnte es einen Zusammenhang geben zwischen diesem (Aber-)Glauben und der unfreiwilligen Einnahme von Mutterkorn? Immerhin: Bei den damals bestehenden Wetterbedingungen war Mutterkorn allenthalben präsent, vor allem im aus Getreide gebackenen Brot! Auch wenn sich dies nach beinahe vier Jahrhunderten nicht klären lassen wird - eine Überlegung wert ist die Frage trotzdem. Gruppenführungen zum Thema "Verhextes Siegburg?" bietet Bertrand Stern auf Nachfrage an. Bitte dafür im Stadtmuseum unter 02241/96985-0 melden!


17.07.2012 - Hexenverfolgung-Stern

Bild vergrößern Getreide, Hexenverfolgung © Kreisstadt Siegburg