15.03.2019

Cellistin von Auschwitz im Porträt

"Nazis haben mir mein Leben nicht kaputtgemacht"

Siegburg. Dr. Anita Lasker-Wallfisch. 93 Jahre. Holocaustüberlebende. Musikerin. Stoikerin. Meisterin glasklarer, tiefer Sätze. Berichterstatterin im Bundestag und am Mittwoch im Anno-Gymnasium. Wir hörten zu, schrieben mit.

Eine Aussage steht im Mittelpunkt, um sie kreisen die Erzählstücke wie Planeten um die Sonne. "Mein Grundsatz: Die Nazis habe mir ein Teil meines Lebens genommen. Es war nur ein Teil. Den Rest habe ich mir nicht kaputtmachen lassen." Ihre Besuche fürs englische Fernsehen in Auschwitz, Bergen-Belsen, bei Topf & Söhne, dem Betrieb, der die Vernichtungsöfen baute, rühren zu Tränen. Sie weint nie. Breslau, Dreißigerjahre. Die Familie Lasker gehört zum Bildungsbürgertum. Musik erfüllt den Salon. Sonntags, so will es der Vater, Rechtsanwalt und Notar, wird nur Französisch gesprochen. Weil der Mensch so viele Seelen hat wie er Sprachen spricht. Sagte er damals. Seine Tochter Anita sagt heute: "Ich fand das total blöd. Habe an Sonntagen meinen Mund gehalten." In der Schule die erste Hetze beim Tafeldienst. "Gib der Jüdin nicht den Schwamm!" Die Beschimpfungen nehmen zu. Die Familie verpasst den Absprung. "Mein Vater dachte: Der Spuk geht vorbei." Geht er nicht. Die Eltern werden am 9. April 1942 abtransportiert. Nahe Lublin erschießen die Schergen Anitas Mutter und den Vater. Beide stürzen in die Grube, die sie selbst ausheben mussten. "Den Bildern in meinem Kopf sind leider keine Grenzen gesetzt." Anita und ihre Schwester Renate klatschen wie Roboter Etiketten auf Klopapier. 5.000 Rollen pro Tag fordert die Fabrik von den Mädchen aus dem Waisenhaus. Über ein Loch am Spülkasten wispern sie mit französischen Kriegsgefangen auf der anderen Seite der Wand. Fälschen Ausweise, fliehen. Am Breslauer Bahnhof steht die Gestapo. Dreieinhalb Jahre Zuchthaus. "Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Ich war allein." Nächste Station: Auschwitz. Gestank und Dreck. Gestalten, die mehr Schatten sind als Menschen. Als verurteilte Verbrecherin, welch perverse Logik, umgeht sie die Selektion. In der Kapelle spielt sie Cello. Soundtrack der Sadisten. Anita denkt, was alle denken. "Nur durch den Schornstein kommst du hier raus." Das Orchester steigt in den Viehwaggon. Kurs Nordwest. Tagelang. Gebellte Befehle. "Raus! Raus!" Kiefern und Sandwege. Verblühtes Heidekraut. Stacheldraht. Bergen-Belsen. Ein Kapo kratzt mit der Kelle in einer leeren Suppenschüssel. "Wenn es dem Kapo so schlecht geht, wie schlecht wird es uns gehen?" Sehr schlecht. Zelte statt Baracken. Sie knicken im Sturm. Anita und Renate bleiben und halten zusammen. Das Dröhnen der Kanonen, das Rasseln der Panzer, die Flucht der Wärter - erlebt in Hungertrance zwischen Leichenbergen. "We are the British Army. You are free!" Lasker folgt den Befreiern. Heiratet den Pianisten Peter Wallfisch, auch er aus Breslau. Sie bekommt zwei Kinder, ist Mitbegründerin des London English Chamber Orchestra. Nie wieder will sie Deutschland betreten. Kein Eid fürs Leben. Zum zweiten Mal ist sie am Mittwoch am Anno-Gymnasium. Zum zweiten Mal fordert sie auf: "Seht nicht den Juden, den Alten, den Schönen. Seht den Menschen und geht menschlich miteinander um." Wer nachlesen will, kauft die Autobiographie: "Ihr sollt die Wahrheit erben. Die Cellistin von Auschwitz", Verlag rororo, 17. Auflage 2018.


15.03.2019 - Lasker-Wallfisch

Dr. Anita Lasker-Wallfisch