13.08.2019

Barbaren an Rhein und Sieg

Vom Pogrom zum Massenmord

Siegburg. Die Reichspogromnacht war an Rhein und Sieg ein Pogromtag.

Wir schreiben den 10. November 1938, als das Unrechtsregime zerstört, verhaftet, mordet. Um 6.10 Uhr brennt die Siegburger Synagoge, die Feuerwehr lässt sie abbrennen, beschränkt das Feuer auf den Entstehungsort. Aus der Ruppichterother Synagoge schlagen die Flammen um 7.15 Uhr. Die Feuerwehr löscht, weil der Bürgermeister noch nicht über den SS-Befehl informiert ist. Als klar ist, dass der festgenomme Scherge wirklich in allerhöchstem Auftrag handelt, wird das Gotteshaus erneut angesteckt. Am Vormittag steigt Rauch aus den Synagogen in Bonn und Beuel. Um 15.15 Uhr stehen die Hennefer Juden mit Grausen vor ihrer spirituellen Heimat. Der Bürgermeister ist nicht entsetzt, sondern stolz über das "schnelle Niederbrennen". Noch ist es nicht vorbei. Um 17 Uhr laufen die Menschen in Bornheim zusammen und blicken auf den Scheiterhaufen, der die örtliche Synagoge war. Rheinbach kommt 30 Minuten später dran, da ist es schon dunkel. Weiter nach Geistingen, wo Hennefs Bürgermeister Naaf einen "Kurzschluss" konstatiert, der das Gebäude der jüdischen Mitbürger vernichtet. In Oberdollendorf scheitert die Brandlegung, in Meckenheim wird Abstand genommen, weil Arier im selben Gebäude leben. Zeitgleich werden 83 Juden festgesetzt und nach vorübergehender Inhaftierung in Brauweiler ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Zu ihnen gehört Gustav Rothenberg, der in der Siegburger Kaiserstraße 29 ein Manufakturwarengeschäft führt. Seine zweite Ehefrau Meta Rothenberg, geborene Danelius, muss mitansehen, wie der Betrieb Dezember 1938 abgemeldet wird. Das Paar, wohnhaft in der Zeithstraße 8, entscheidet sich nach Gustavs Freilassung nicht für die Emigration. Es wird Ende Juni 1941 mit der 13-jährigen Tochter Ruth Lina ins Lager Much eingewiesen, wo Gustav nach nur einer Woche am 3. Juli 1941 stirbt. Man bringt Meta und ihre Tochter am 20. Juli 1942 in die Kölner Messehallen. Von hier aus rollen die Deportationszüge gen Osten los. Am frühen Morgen des 24. Juli 1942 nehmen die Unmenschen Meta und Ruth Lina am Schreckensort Maly Trostinec im heutigen Weißrussland das Leben. Ein neuer Stolperstein vor der Zeithstraße 8, dem letzten frei gewählten Wohnort, erinnert an Metas Schicksal. Die Mahnmale für Ehemann und Tochter wurden schon früher verlegt (Steine oben). Hans Rothenberg überlebt den Holocaust. Gustavs Sohn aus erster Ehe, Jahrgang 1914, wandert 1936 über Holland nach Argentinien aus.


13.08.2019 - Stolperstein-Rothenberg

Stolperstein Rothenberg