08.11.2019

Wenn der Vater mit dem Sohne...

Thekla Carola Wied las aus Promi-Briefen

Siegburg. Inklination gleich Neigung. Flattieren gleich schmeicheln. Hoffart gleich Hochmut. Inkommodität gleich unangenehmer Zustand.

Zu einer Wörterbuch-Rundreise geriet die gestrige Literaturwochenlesung mit Schauspielerin und Fernsehstar Thekla Carola Wied im Stadtmuseum. Mitgebracht hatte die Mimin aus "Ich heirate eine Familie" eine kunterbunte Briefesammlung berühmter Eltern an ihre häufig noch bekannteren Kinder. Wied liebt es selbst, Freunden und Verwandten handgeschriebene Zeilen zu übermitteln. Und, das gibt sie unumwunden zu, das Stöbern in den teils jahrhundertalten Korrespondenzen bereitet ihr außerordentliches Vergnügen. Zu den Inhalten. Luthers 1537 geschriebene Sätze an Sohnemann Hans tragen - wenig Wunder - die Züge einer Predigt: "Fürchte Gott, höre auf Deine Eltern, fliehe schändliche Gespräche! Dein leiblicher und geistlicher Vater Martin." Es tritt in den illustren Kreis: Maria Theresia, österreich-ungarische Monarchin, Mutter von 16 Kindern, Mutter Europas. Sie rät ihrer Tochter Marie-Antoinette, Gattin des französischen Königs Ludwig XVI., besser auf sich zu achten, auf körperlichen Disproportionen folge das geistige Ungleichgewicht. Sprich: Fett werden verboten, Bella Figura machen, ganz Repräsentantin und Vorbild sein! Spontan fällt dem Zuhörer das Marie-Antoinette-Vorrevolutionszitat "Das Volk hat kein Brot - dann soll es Kuchen essen!" ein. Eine Aussage, die sich rächen sollte. Die Mutter erlebt gottlob nicht mehr mit, wie die Tochter mit dem Gemahl unter dem Fallbeil stirbt. Vielsagend die Zeilen, die Johanna Schopenhauer an ihr studierendes Hochbegabtenkind Artur richtet. Den jungen Exzentriker empfindet die ebenso extrovertierte Mama als Last. Ihr Vorbild ist der alte Goethe, mit dem sie in Weimar verkehrt, eine "höhere Natur als alle anderen, mit durchdringendem Blick und einer stillen Herrlichkeit". Im Gegensatz dazu ihr Filius: "Arthur, Du bringst die Menschen ohne Not gegen Dich auf!" Heinrich Böll fehlte nicht in der Kette der Epistel-Verfasser, er rechnete in seinen den Söhnen zugedachten Ausführungen mit dem Krieg und seinen Triebkräften ab: Nicht die hassen, gegen die man im Krieg kämpft. Die hassen, die in den Krieg schicken! Wieds Stärke ist die Intonation. Ganz stark liest sie die Zurechtweisung des preußischen Soldatenkönigs an seinen Sohn Friedrich, später "der Große" genannt. Sie wechselt an diesem Abend von väterlich streng zu mütterlich säuselnd. Zwischen den Briefpassagen nimmt der Pianist Stanley Schätzke die Wiedschen Worte thematisch auf. "Vom Himmel hoch, da komm' ich her" schließt sich an Luthers Mahnung an den Sprössling Hans an.


08.11.2019 - Wied-Literaturwochen

Thekla Carola Wied