10.11.2017

So war das 20. Jahrhundert

Kernwaffen-Cocktail am Atoll

Siegburg. Die Stimmung auf dem Schiff ist beinahe so blendend wie das Spektakel, das folgen sollte.

Martini wird ausgeschenkt, das Modegetränk in jenem Sommer 1946. In vorfreudiger Spannung betreten die Passagiere das Außendeck. Sonnenbrillen werden gereicht. Die Schaulustigen am Bikini-Atoll, in der Mitte des Pazifischen Ozeans, sind gewappnet für die Atombombenzündung. Die Bombe wird wenige Minuten später "glühen wie 20 Sonnen" und das Paradies für immer verändern. Gut und Böse, Licht und Schatten, Wohlstand und Armut, rasanter Fortschritt und tiefste menschliche Abgründe: dafür stand das letzte Centennium. "Es war mit den beiden Weltkriegen und den Völkermorden das schlimmste Jahrhundert der Geschichte. Es war zugleich das Beste." Sagt Edgar Wolfrum, Professor für Zeitgeschichte an der Heidelberger Uni und mit seinem Buch "Welt im Zweispalt - Eine andere Geschichte des 20. Jahrhunderts" am Donnerstag zu Gast bei den Literaturwochen. Eine andere Geschichte? Eine Geschichte der Polaritäten, der fortwährenden "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", um es mit dem großen Denker Ernst Bloch zu sagen. Ein Zeitalter, in dem es schien, als hätte jemand mit Riesenhand die Drehgeschwindigkeit des Globus' verdrei- oder vervierfacht. Die lange Kette des Grausamen reicht vom Völkermord an den Armeniern 1916 bis zum Massaker in Srebrenica 1998. Gegenüber steht die Verrechtlichung der Staatenbeziehungen, der Internationale Strafgerichtshof, eine für weite Teile der Welt nie gekannte Friedensphase in der zweiten Jahrhunderthälfte. Immerhin wurde der Dritte Weltkrieg verhindert. Nicht nur in der Kubakrise stand die Erde kurz davor. Atemlos ging es weiter. Biafra und Weight Watchers, Bevölkerungsexplosion, Kohlehunger, Öldurst, medizinische Durchbrüche und Aids-Epidemie in Afrika. Zur Jahrtausendwende beträgt die Lebenserwatung in Botswana 36 Jahre, in Norwegen sind es 72. Die rund 70 Zuhörer, viele haben den Großteil des besprochenen Jahrhunderts selbst erlebt, folgten hochkonzentriert, fragten ausdauernd. Kann man aus der Geschichte lernen? "Man kann. Wenn sie auf der Autobahn fahren, schauen sie vor dem Überholen doch auch in den Rückspiegel!" Ist die Weltklimakonferenz ohne die USA überhaupt eine Weltklimakonferenz? "Es gibt Anzeichen einer neuen, positiven Dynamik. Einige US-Bundesstaaten wollen ja trotzdem ihre Emissionsziele einhalten. Die Erderwärmung wird wahrscheinlich das bestimmende Thema im neuen Jahrhundert sein. Die Klimaflucht wird zunehmen, Klimakriege wahrscheinlich kommen." Glauben Sie an Europa? "Glauben gehört in die Kirche. Aber Spaß beiseite: Die Europäische Union ist das Größte, was wir nach den blutigen Schlachten auf unserem Kontinent geschafft haben. Es geht nicht ohne Europa!" Insgesamt ein intensiver, ein bestens verständlicher Vortrag. Aus einem Buch, das über zehn Jahre produziert wurde, in dem der Gelehrte es fertig bringt, Zitate von Mark Twain, die Musik von Pink Floyd und einen Jahrhundertsatz von Stefan Zweig unterzubringen: "Aber jeder Schatten ist im Letzten doch auch Kind des Lichts." WDR-Mann Gisbert Baltes wirkte gewohnt unterhaltend als Bindeglied zwischen Publikum und Autor. In den Literaturwochen 2016 hatte man ihn als Moderator eines Krimiabends engagiert, nun zeigte er, dass er auch im Fach Geschichte/Politik bewandert ist. Für die Musik war der Pianist Heinz Walter Florin zuständig. Er komponierte eigens für die Veranstaltung das Stück "Welt im Zwiespalt" und beendete den Abend mit Beethovens Vertonung der Ode an die Freude. Wie gesagt: Es geht nicht ohne Europa! Foto (von links): Pianist Heinz Walter Florin, Autor Edgar Wolfrum, Moderator Gisbert Baltes.


10.11.2017 - Wolfrum

Wolfrum