25.04.2012

Getöpferte Weltkritik

Hermann Josef Hack greift zum Material seiner Heimat

Siegburg. Als das Wort Globalisierung nur in Fachkreisen zirkulierte, wies ein Siegburger bereits auf die Schattenseiten hin.

Hermann Josef Hack war ein Vorreiter. 1991, die kollabierende Sowjetunion zog die Aufmerksamkeit der Welt auf sich, beschäftigte er sich mit den Problemen der Menschen an der Peripherie, in Asien oder Afrika. Heute wird seine Kunst weltweit geachtet. Im Hohlweg 40, seinem Atelier, hütet er die Trophäen: Hack mit seinen Flüchtlingszelten auf dem Titel des Fachblatts "Kunstforum International". Hack in einem Sammelband kurz hinter dem weltbekannten Ai Weiwei. Auf einem weiteren Bild marschiert Brioni-Kanzler Gerhard Schröder über Hacks "Arme-Socken-Teppich", eine Unterstützungsaktion für Arbeitslose. Im Mai und Juni gehen seine 1.000 Zelte auf Reisen, werden in Addis Abeba und Peking ausgestellt (wir berichteten). Der Künstler ist bei den Eröffnungen abwesend. "Ich musste der Goethe-Gesellschaft leider absagen. Keine Zeit." Kunst ist für den 55-Jährigen Mittel zum Zweck. "Ich will bewegen, etwas verändern, sehe meine Arbeit als Plattform zur Kommunikation." Damit auch in Siegburg über Dürren im Sudan diskutiert wird, griff Hack jetzt zum Material seiner Heimat - Ton. Hier der getöpferte Selbstmordattentäter der "Brote Armee Fraktion" mit einem Sprenggürtel aus Baguettes, dort der von Flüchtlingszelten übersäte Michaelsberg. Er kommt frisch aus dem Brennofen. "Was wäre denn, wenn die Dramen von Lampedusa nur der Anfang eines noch viel größeren Exodus' sind?", will der große Mann wissen und hinterlässt einen nachdenklichen Betrachter. Einmal in Fahrt, eilt der Kreative von einem Krisenherd zum nächsten. Er spricht von persönlichen Begegnungen mit dem Fischer des Pazifikstaats Tuvalu, dessen Hütte sich das Wasser holt, weil die Erderwärmung den Meeresspiegel ansteigen lässt. Dann ist er bei den Bauern auf Sri Lanka, deren Reisfelder nach dem Tsunami versalzen. Das Mittagessen der Schulkinder kommt nun aus den USA, die vom Bürgerkrieg geschüttelte Insel in Südasien begibt sich in eine neue Abhängigkeit. Hack muss kämpfen, damit seine Lebensthemen im öffentlichen Bewusstsein bleiben. Nach Fukushima hat die Angst vor der atomaren Bedrohung den Klimawandel in den Hintergrund gedrängt. "Hinzu kommt, dass die menschgemachte Erwärmung immer wieder wissenschaftlich angezweifelt wird", so Hack ärgerlich. "Das führt zu Verwirrung und Gleichgültigkeit." Viel zu tun also, man sieht es am stetig wachsenden Berg in seiner Werkstatt. Fast jeden Tag kommt ein neues Zelt dazu. Foto (Hübner-Stauf): Getöpferter Selbstmordattentäter in Hacks linker Hand, zur Rechten der umlagerte Michaelsberg. Im Hintergrund türmen sich die Zelte, die schon in den Zentren unzähliger Metropolen auf das Klimaflüchtlingselend aufmerksam machten.

Meldung posten bei...